commercetools ist eine ernsthafte Plattform für ernsthafte Anforderungen. API-first, Cloud-native, grenzenlos flexibel. Klingt gut. Kostet aber auch entsprechend. Die ehrliche Wahrheit: Für etwa 85% der Online-Shops ist commercetools die falsche Wahl. Zu komplex, zu teuer, zu viel Eigenentwicklung nötig.
Martins Einschätzung: dasistweb berät zu commercetools und kennt die Plattform aus der Zusammenarbeit mit Partnern. Das ist kein Kerngeschäft. Wir empfehlen es nur für Kunden die es wirklich brauchen: Enterprise-Anforderungen, Headless-Architektur, maximale Flexibilität. Für 85% der Shops ist es zu viel.
Inhalt
- Was ist commercetools überhaupt?
- Für wen commercetools gemacht ist
- Für wen commercetools NICHT gemacht ist
- Was kostet commercetools wirklich?
- commercetools vs. Shopware vs. Shopify: Der ehrliche Vergleich
- Der typische commercetools Stack
- commercetools bei dasistweb: Wie wir beraten
- Fazit: Die richtige Entscheidung treffen
Was ist commercetools überhaupt?
commercetools ist keine klassische E-Commerce-Plattform wie Shopware oder Shopify. Es ist eine API-first Commerce-Infrastruktur. Das heißt: Statt eine komplette Box zu kaufen, bekommst du ein Baukasten-System von hochspezialisierten APIs.
Das Kernkonzept ist einfach. commercetools gibt dir:
- Produktkatalog-APIs (mit allen Varianten, Attributen, Kategorien)
- Pricing & Promotion-Engine (flexible Preisregeln, Rabattsysteme)
- Warenkorb & Checkout-APIs (mit allen notwendigen Funktionen)
- Order Management (Bestellverwaltung, Fulfillment)
- Customer Management (User-Profile, Adressenverwaltung)
- Inventory Management (Lagerverwaltung über mehrere Kanäle)
- Search & Filter (typischerweise über Elasticsearch)
Was commercetools dir nicht gibt: Ein Frontend. Kein Dashboard, kein Admin-Interface, keine Storefront-Vorlage. Das musst du selbst bauen. Entweder mit einem Headless CMS wie Storyblok, oder mit deinem eigenen Frontend (Nuxt, Next.js, React, Vue).
Das ist gleichzeitig die Stärke und die Falle.
Die Stärke: Du bist völlig frei. Keine Theme-Grenzen, keine Plattform-Abhängigkeiten. Dein Frontend gehört dir. Du kannst es genauso schnell aktualisieren und ändern wie eine normale Web-App.
Die Falle: Du musst vieles selbst bauen. Das Frontend kostet. Die Integrationen kosten. Die Maintenance kostet. Die Komplexität ist enorm.
Für wen commercetools gemacht ist
commercetools macht Sinn in genau diesen Szenarien:
Multi-Market, Multi-Marken, Multi-Channel Setup. Du betreibst mehrere Marken (z.B. nationale und internationale Varianten), mehrere Länder mit je eigenen Anforderungen, mehrere Verkaufskanäle (DTC, B2B, Marketplace). Ein Single-Store-Setup mit Shopware oder Shopify wird zum Problem. Mit commercetools als Backend kannst du beliebig viele Frontends draufsetzen. Jede Marke, jedes Land, jeder Kanal mit eigenem Frontend, aber einheitliches Order-Management darunter.
Extreme Komplexität in der Geschäftslogik. Du brauchst Preisregeln die kein Standard-Admin versteht. Freigabeprozesse. Kundenspezifische Kataloge. Reservierungssysteme. Bundle-Logik. Individueller Checkout-Flow. Bei Shopware könntest du das mit Plugins bauen. Bei commercetools ist es das Natürlichste der Welt, weil die APIs dafür gemacht sind.
Enterprise B2B mit Systemintegration. Deine Systeme sind in der Regel: Salesforce (CRM), SAP (ERP), NetSuite (Buchhaltung), Adobe Experience Manager (Content). Um das zu orchestrieren brauchst du eine Plattform die mit APIs arbeitet, nicht mit Datenbank-Tabellen. Das ist commercetools.
Performance bei extremem Scale. Du verkaufst 100.000+ Artikel, hast Millionen von Kunden, Hunderte von Transaktionen pro Minute. Shopware kann das theoretisch auch. Praktisch wird es zu einem DevOps-Alptraum. commercetools ist cloud-native von Grund auf. Skalierung ist eingeplant.
Vollständige Datenhoheit und Compliance. Du brauchst 100% Kontrolle über alle Daten. commercetools läuft bei Amazon AWS (mit Optionen für EU-Hosting). Deine Kundendaten, Bestelldaten, alles liegt bei dir.
Innovationsgeschwindigkeit. Dein Frontend muss sich ständig ändern. Der Checkout muss jeden Monat angepasst werden. Marketing will ständig neue Features ausprobieren. Mit einem Monolithen wie Shopware mit Theme-Abhängigkeiten wird das zur Belastung. Mit commercetools + eigenem Frontend passt du an wie eine normale Software-Agentur. Im Sprint. Schnell.
Das sind die Kandidaten für commercetools. Es sind viele? Nein. Das ist aber genau der Punkt.
Für wen commercetools NICHT gemacht ist
Die Mehrheit.
Wenn du einen Standard-Onlineshop brauchst, der läuft und Geld verdient, dann ist commercetools falsch. Punkt.
Du brauchst einen schnellen Go-Live. Mit Shopify: 2-4 Wochen. Mit Shopware: 3-6 Monate. Mit commercetools? 9-18 Monate minimum. Weil du erst bauen musst. Frontend, API-Integration, Testing, Deployment. Das ist nicht Konfiguration, das ist Softwareentwicklung.
Dein Budget ist begrenzt. Eine kleine Agentur mit Theme-Anpassung kostet 20.000+ EUR. Ein commercetools Projekt kostet 200.000+ EUR. Nicht weil die Agenturen teuer sind. Sondern weil es faktisch 1-2 Jahre Entwicklung braucht.
Du brauchst "jemanden der sich drum kümmert". Mit Shopify hast du einen Service-Partner der den Shop hostet, aktualisiert, sichert. Mit Shopware eine Agentur die das auf deinem Server macht. Mit commercetools ist es deine Verantwortung. Du brauchst ein Team. Oder eine Agentur die du langfristig bezahlst.
Deine Anforderungen sind unklar. "Wir bauen einen E-Commerce Shop, wissen aber noch nicht genau wie". Mit Shopify oder Shopware ist das ein normales Projekt. Bei commercetools gefährlich, weil jede Anforderung durch individuelle Entwicklung geht. Scope Creep ist real. Kosten können sich verdoppeln, verdreifachen.
Du brauchst schnelle Support-Antworten. commercetools ist ein API-Service. Der Support ist technisch, nicht operativ. Wenn dein Checkout kaputt ist und du hast 100.000+ EUR in individualem Code investiert, brauchst du schnelle Antworten. Die bekommst du. Aber: Die Fehler sind oft in deinem Code, nicht im commercetools Service. Der Service selbst läuft beeindruckend zuverlässig.
Die unbequeme Wahrheit: Wenn du nicht in mindestens zwei der obigen Szenarien landest, ist commercetools zu viel Komplexität für zu viel Geld.
Was kostet commercetools wirklich?
Die Lizenzkosten sind transparent. Und hoch.
Die Lizenz liegt zum aktuellen Zeitpunkt je nach Setup und Traffic-Volumen im mittleren bis hohen vierstelligen EUR-Bereich pro Monat. Dazu kommen API-Calls, Speicherplatz und andere Services. Das ist aber nicht der entscheidende Kostentreiber.
Der entscheidende Kostentreiber ist die Entwicklung.
Auf Basis von Marktdaten und Partnerprojekten:
- Einfaches Setup (Single Market, 500-2000 Artikel, Standard B2C): 150.000+ EUR. 6-9 Monate. Darin enthalten: Backend-API-Arbeit, Frontend-Entwicklung (meist mit Nuxt/Vue), Basis-Integrationen (Payment, Shipping).
- Mittleres Setup (Multi-Country oder Multi-Marken, 2000-10000 Artikel, B2C mit B2B-Elementen): 200.000+ EUR. 9-15 Monate. Darin: komplexere Integrationen (ERP, PIM), individuelles Order-Management, Pricing-Engine.
- Enterprise Setup (Multi-Market, Multi-Marken, 10.000+ Artikel, komplexes B2B, Salesforce-Integration): 400.000+ EUR. 12-24 Monate. Das ist eine richtige Softwareentwicklung.
Die laufenden Kosten sind auch nicht zu unterschätzen.
Du brauchst ein Development-Team das den Stack pflegt. Nicht wie "jemand der ab und zu Bugs fixt", sondern ein kleines Team. Weil du ständig neue Features baust, die APIs sich ändern, dein Frontend aktualisiert werden muss. Das kostet 20.000+ EUR/Monat für ein Team das daran arbeitet.
Bei Shopify Plus zahlst du eine monatliche Grundgebühr und das war's. Bei Shopware zahlst du eine Agentur, aber die ist günstiger. Bei commercetools zahlst du für beides. Lizenz plus Development.
Die ehrliche TCO-Rechnung:
- Jahr 1: Initialprojekt 200.000+ EUR + Lizenz (je nach Setup) = ab 220.000+ EUR
- Jahr 2-3 pro Jahr: Lizenz + Team: ab 300.000+ EUR/Jahr
Das ist nicht klein.
commercetools vs. Shopware vs. Shopify: Der ehrliche Vergleich
Alle drei Plattformen spielen in unterschiedlichen Ligen.
| Shopify / Plus | Shopware 6 | commercetools | |
|---|---|---|---|
| Architektur | SaaS, monolithisch | Open Source, self-hosted oder cloud | API-first, headless |
| Zielgruppe | SMB bis große Mittelständler | Mittelstand, Enterprise | Enterprise, Globale Marken |
| Einstiegskosten | Niedrig (ab einigen EUR/Mo) | Mittel (je nach Lizenz + Hosting) | Hoch (200.000+ EUR Projekt) |
| Time-to-Market | 2-4 Wochen | 3-6 Monate | 9-18 Monate |
| Flexibilität | Standard (30%-Regel: Architektur-Entscheidung nötig) | Hoch (Open Source) | Maximal (API-first) |
| Frontend Control | Eingeschränkt (Liquid Templates) | Hoch (Symfony, Vue.js möglich) | Vollständig (beliebige Technologie) |
| Multi-Marken Support | Mit Einschränkungen | Von Haus aus unterstützt | Architektur von Haus aus dafür ausgelegt |
| B2B Features | Ab Plus möglich | Ab Rise-Lizenz umfangreich | Über individuelle Entwicklung |
| Maintenance-Last | Minimal (gehostet) | Mittel bis hoch | Hoch (Development-Team nötig) |
Wann welche Plattform:
- Shopify: Du brauchst schnell einen funktionierenden Shop. Deine Anforderungen passen in ein Standard-Framework (unter 30% individuell). Dein Budget ist begrenzt. Über 30%? Dann Headless/Microservices, aber du kannst bei Shopify bleiben.
- Shopware: Du hast mittlere bis komplexe Anforderungen. Du brauchst B2B-Features oder tiefe ERP-Integration. Du magst Open Source und willst nicht auf API-first Architektur setzen.
- commercetools: Du betreibst mehrere Marken/Länder mit eigenständigen Frontends. Du hast Enterprise B2B mit extremer Komplexität. Du hast großes Budget und großes Team.
Das ist es. Die meisten Shops fallen in die Shopify oder Shopware Kategorie.
Der typische commercetools Stack
Wenn du commercetools wählst, entscheidest du dich auch für ein ganzes Ökosystem.
Backend:
- commercetools selbst (Product Catalog, Orders, Inventory, Pricing)
- Elasticsearch (für Product Search und Filter)
- Stripe oder Adyen (Payment Processing)
- ShipStation oder Picqer (Fulfillment/Logistics)
- ERP-Anbindung (SAP, NetSuite, Odoo) über API oder iPaaS wie Boomi oder MuleSoft
Frontend:
- Nuxt 3 oder Next.js (die Standard-Wahl)
- Storyblok als Headless CMS (für Marketing-Content)
- Oder: eigenes individuelles CMS wenn gewünscht
Infrastruktur:
- AWS oder Google Cloud (commercetools selbst läuft bei AWS)
- Docker/Kubernetes wenn du es komplex brauchst
- CI/CD Pipeline (GitHub Actions, GitLab CI, CircleCI)
- Monitoring & Logging (Sentry, ELK Stack, DataDog)
Das ist nicht Konfiguration. Das ist Softwareentwicklung.
Du brauchst DevOps-Engineers, Backend-Entwickler, Frontend-Entwickler, QA. Das ist ein echtes Team. Nicht "jemand der einen Shop zusammenklickt", sondern Menschen die Code schreiben und verstehen was sie tun.
Das ist auch warum die Kosten so hoch sind. Nicht weil die APIs teuer sind. Sondern weil du faktisch ein Startup baust.
commercetools bei dasistweb: Wie wir beraten
Wir beraten zu commercetools und haben dabei gelernt was funktioniert und was nicht.
Was wir in der Praxis sehen:
Anfangs-Komplexität. Das erste Projekt dauert immer länger als geplant. Nicht weil niemand weiß was zu tun ist. Sondern weil commercetools viele Entscheidungen offenlässt die bei Shopware oder Shopify schon getroffen sind. Such-Strategie. Caching-Strategie. API-Sicherheit. Daten-Architektur. Das sind Dinge die du lösen musst bevor du Code schreibst.
Der versteckte Scope. Bei Shopify oder Shopware kannst du am Ende sagen "Das Feature passt nicht ins Plattform-Modell". Bei commercetools kannst du das nicht sagen. Weil die APIs sehr flexibel sind. Das führt dazu dass der Scope unbegrenzt wächst. Du musst von Anfang an sehr diszipliniert sein. User Stories müssen vor Feature-Development klar definiert sein. Sonst grenzt der Scope nicht.
Monitoring ist nicht optional. Bei Shopify läuft das Ding. Bei commercetools musst du selbst monitoren. Wenn deine API-Integration fehlschlägt, wenn der Elasticsearch nicht synchronisiert, wenn der Payment-Provider nicht antwortet, merkt dein Frontend das nicht automatisch. Du brauchst aktives Monitoring, Alerting, schnelle Incident-Response.
Team-Stabilität ist wichtig. Mit Shopware oder Shopify kann ein neuer Entwickler relativ schnell einsteigen. Die Plattform-Dokumentation ist ausreichend. Bei commercetools musst du den eigenen Code verstehen. Wenn ein Entwickler nach 6 Monaten geht, brauchst du jemanden der seinen Code warten kann. Das ist ein größeres Risiko.
Wo es sich lohnt: Für Kunden mit echten Multi-Market oder Multi-Marken-Anforderungen: sinnvoll. Weil statt 3 separate Shopware-Instanzen zu bauen (je 200.000+ EUR), ein einheitliches Backend gebaut wird (250.000+ EUR) und beliebig viele Frontends draufgesetzt werden (je 50.000+ EUR). Das rechnet sich schnell.
Fazit: Die richtige Entscheidung treffen
commercetools ist nicht "das bessere Shopware" oder "das Shopify für große Marken". Es ist eine fundamental andere Architektur für fundamental andere Anforderungen.
Die Frage ist nicht "Sollten wir zu commercetools migrieren?" Die Frage ist: "Haben wir ein Problem das commercetools löst?"
Dein Problem ist: "Wir haben eine Shopware-Instanz und wollen schnell skalieren." Antwort: Nein, commercetools nicht. Du brauchst besseres Hosting, bessere Architektur, vielleicht Headless. Aber nicht commercetools.
Dein Problem ist: "Wir betreiben Marke A, B und C mit eigenständigen Marken und jede braucht ein anderes Frontend, aber ein gemeinsames Order-Management." Antwort: Ja, commercetools macht das elegant.
Dein Problem ist: "Wir bauen für einen großen internationalen Konzern mit 15 Märkten, komplexen B2B-Freigabeprozessen und SAP-Integration." Antwort: Ja, commercetools ist richtig. Für weitere Details zum Vergleich: commercetools vs. Shopware.
Das ist die ehrliche Einschätzung. Und das ist auch warum wir mit Shopware und Shopify anfangen, nicht mit commercetools. Weil die meisten Probleme nicht commercetools-Probleme sind.