Die Frage bekommen wir regelmäßig. Und jedes Mal ist die ehrliche Antwort: Es kommt drauf an. Denn B2B ist kein monolithisches Feature, sondern ein Spektrum. Das fängt mit "Geschäftskunden kaufen halt mehr" an und endet bei individuellen Preisen pro Kunde, mehrstufigen Freigabeprozessen und tiefer ERP-Integration. Shopify Plus und Shopware können beide beides. Nur eben auf unterschiedlichen Levels. Wir zeigen dir wo beide Plattformen glänzen und wo es eng wird.
Inhalt
- B2B ist ein Spektrum, nicht ein Feature
- Einfaches B2B: Netto-Preise und Rechnungskauf
- Kundengruppen mit individuellen Katalogen
- Enterprise B2B: Individuelle Preise und Freigaben
- Feature-Vergleich: Shopify Plus vs. Shopware
- Shopware B2B Suite: Was ist dran?
- Konkretes Beispiel: Wortmann Group
- commercetools als dritte Option
- KI-Features im Vergleich: Shopware, Shopify Plus, commercetools
- Fazit: Nicht die Plattform ist die Entscheidung
B2B ist ein Spektrum, nicht ein Feature
Das ist der zentrale Punkt. Viele Agenturen und Plattform-Anbieter sprechen von "B2B-Features" als würden sie eine Liste abhaken. Netto-Preise, Rechnungskauf, größere Mengen. Erledigt.
Die Realität ist komplexer. Es gibt verschiedene B2B-Modelle die radikal unterschiedliche Anforderungen haben. Ein Großhändler mit 500 Partnern hat andere Probleme als ein Hersteller mit 20 individuellen Kundenkonten. Ein Systemhaus mit kundenspezifischen Preislisten braucht andere Logik als eine Handelsplattform mit Kundengruppen-Staffeln.
Die gute Nachricht: Beide Plattformen können auf allen Levels gut funktionieren. Aber nicht auf allen Levels gleich gut. Das zu verstehen ist der Unterschied zwischen einer sauberen technischen Entscheidung und einem teuren Relaunch, der später nicht passt.
In unseren Projekten seit 2012 sehen wir: Die meisten Fehlentscheidungen entstehen nicht weil die falsche Plattform gewählt wird, sondern weil die B2B-Anforderungen vorher nicht klar genug definiert wurden.
Einfaches B2B: Netto-Preise und Rechnungskauf
Hier ist die Anforderung minimal. Der Shop muss unterschiedliche Preise für Geschäftskunden zeigen (Netto statt Brutto), größere Mengen akzeptieren, Rechnungskauf ermöglichen. Das war es.
Shopify Plus: Ein paar Einstellungen, fertig. Company Accounts, Preislisten pro Customer, Rechnungskauf über einen Payment Provider. Die Kundengruppe "Geschäftskunde" wird hinterlegt, die Preise passen sich an sich. Kein Plugin nötig. Funktioniert.
Shopware: Genauso einfach. Kundengruppe anlegen, Netto-Preise für die Gruppe hinterlegen, Rechnungskauf über Payment Provider konfigurieren. Standard.
Beide Plattformen sind hier unspannend leicht. Das Geschäftsmodell ist simpel und die Technik folgt einfach mit. Kosten sind bei beiden Systemen gering. Das Level braucht du wirklich nicht überkomplizieren.
Kundengruppen mit individuellen Katalogen
Hier wird es interessanter. Der Shop soll nicht einfach Netto-Preise zeigen, sondern verschiedene Kundengruppen mit unterschiedlichen Preisen, unterschiedlichen Produktkatalogen und Standardmengen servieren. Ein Großhändler verkauft an Einzelhändler zu anderen Preisen als an Systemhäuser. Ein Hersteller braucht spezielle Versionen seiner Kataloge für verschiedene Märkte oder Partner-Typen.
Shopify Plus mit Preislisten ist hier noch solide. Du definierst mehrere Preislisten, ordnest diese Kunden zu (via Customer Segments), und die Storefront zeigt die richtigen Preise. Das Katalog-Management wird manueller (Produkte müssen verschiedenen Collections zugeordnet werden), aber es geht.
Shopware mit Kundengruppen und Kategorievisibilität ist hier genauso praktisch. Kategorien können per Kundengruppe sichtbar oder versteckt sein, Preise passen sich an pro Gruppe. Zusätzlich: Shopware erlaubt es dir hier schon, individuelle Freigabeprozesse zu bauen (einfache Approval Workflows).
Beide Plattformen machen mittleres B2B ohne große Custom-Entwicklung. Die Grenzen zeigen sich erst wenn es personalisierter wird.
Enterprise B2B: Individuelle Preise und Freigaben
Hier trennt sich die Spreu vom Weizen.
Das ist B2B für echte. Nicht "Kundengruppe Großhändler", sondern "Kundengruppe Wortmann mit eigenen Preisen, eigenen Produkten, eigenem Freigabeprozess, reservierten Mengen für ihre Partner, Budgets per User und Schnellbestellung per Artikelnummer". Das sind die Anforderungen die echte B2B-Plattformen haben.
Shopify Plus kann hier grundsätzlich mithalten, aber es wird zur Custom-Entwicklung. Die Preislisten-Funktionalität ist nicht granular genug für individuelle Preise pro Kunde (nicht pro Segment). Du brauchst Custom Apps die Preise in der Checkout-Phase anpassen. Budgetmanagement pro User muss du bauen. Approval Workflows sind nicht von Haus aus vorhanden. Schnellbestellung per SKU ist ein Theme-Custom oder eine App-Lösung. Alles machbar, nichts davon ist von Haus aus integriert.
Shopware mit B2B Suite (erst ab Lizenzstufe Evolve oder Enterprise) liefert genau das von Haus aus:
- Individuelle Preise pro Kundenkonto
- Mehrstufige Freigabeprozesse mit Rollen und Genehmigern
- Budgetverwaltung auf User-Ebene
- Reservierte Mengen
- Staffelpreise mit flexibler Konfiguration
- Schnellbestellung (Quick Order)
- Kundenspezifische Kataloge mit Asset-Management
- Deep ERP-Integration über die B2B Suite Module
Das ist nicht "wir haben gelöst mit einem Plugin". Das ist integrierte Funktionalität die in die Plattform eingebaut ist. Und das kostet. Shopware Evolve oder Enterprise mit B2B Suite ist eine signifikante Investition.
Das ist auch ein wichtiger Punkt: Shopware B2B Features sind nicht in allen Editionen von Haus aus verfügbar. Die Rise Edition (das Mittelstandsprodukt von Shopware) hat B2B-Grundlagen, aber nicht das volle Feature-Set. Enterprise B2B (Evolve+) ist eine ganz andere Liga.
Feature-Vergleich: Shopify Plus vs. Shopware
| Feature | Shopify Plus | Shopware Rise | Shopware Evolve+ |
|---|---|---|---|
| Netto-Preise | Nativ | Nativ | Nativ |
| Kundengruppen mit Preisen | Nativ | Nativ | Nativ |
| Katalogfilterung pro Kundengruppe | Segments + Custom | Nativ | Nativ |
| Individuelle Preise pro Kunde | Custom App/Plugin | Plugin | B2B Suite (nativ) |
| Mehrstufige Freigabeprozesse | Custom | Eingeschränkt | B2B Suite (nativ) |
| Budget Management | Custom | Custom | B2B Suite (nativ) |
| Reservierte Mengen | Custom | Plugin | B2B Suite (nativ) |
| Staffelpreise | Nativ (Preislisten) | Nativ | B2B Suite (nativ) |
| Schnellbestellung (Quick Order) | Theme Feature | Plugin | B2B Suite (nativ) |
| ERP-Integration | App/Custom | Middleware/Plugin | B2B Suite Module |
| Multi-Company Accounts | Nativ (eingeschränkt) | Eingeschränkt | B2B Suite (nativ) |
Was die Tabelle zeigt: Bei einfachem und mittlerem B2B sind beide Plattformen gleichauf. Bei Enterprise B2B wird Shopware (mit dem richtigen Lizenzniveau) zur besseren Basis weil die Features nativ sind statt gebaut.
Shopware B2B Suite: Was ist dran?
Das muss präzise erklärt werden, weil hier viele falsch informiert sind.
Shopware bietet seit Shopware 6.5 die "B2B Suite" an. Das ist kein Plugin das du oben draufschraubst, sondern ein nativer Teil der Plattform. Aber: Sie ist an Lizenzstufen gebunden. Rise Edition hat B2B-Grundlagen (Kundengruppen, einfache Freigabeprozesse), aber nicht die volle Suite. Evolve und Enterprise haben das komplette Feature-Set.
Das hat Vor- und Nachteile.
Vorteil: Die Features sind nicht "gelöst mit Code" sondern Teil der Architektur. Das bedeutet sie sind stabil, werden mit jedem Major-Update gefügt, haben eine echte Roadmap.
Nachteil: Du kannst nicht "nur" B2B-Features kaufen. Du brauchst mindestens Evolve, was eine erhebliche Investition ist. Wenn dein Projekt einfaches Level-2-B2B braucht, ist Shopware Enterprise overkill.
Das ist auch warum bei Enterprise B2B die Entscheidung nicht automatisch "Shopware" ist. Bei einfacherem B2B kann Shopify Plus günstiger und schneller sein, selbst wenn du Custom-Entwicklung brauchst.
Alternative ohne Evolve-Lizenz: Wer Shopware nutzt aber nicht auf Evolve oder Enterprise wechseln will, sollte B2B Sellers kennen. Das ist eine eigenständige B2B-Suite für Shopware, die viele Enterprise-Features wie individuelle Preise, Freigabeprozesse und Rollenmodelle auch unterhalb der Evolve-Lizenzstufe ermöglicht. In der Integration kennen wir aus Projekten die typischen Stolpersteine bei Preis-Logik und Genehmigungsworkflows.
Konkretes Beispiel: Wortmann Group
Wortmann ist einer der großen Systemhäuser in Europa. Sie verkaufen IT-Hardware an 2.000+ Wiederverkäufer. Jeder Wiederverkäufer hat eigene Preise, eigene Kataloge, eigene Freigabeprozesse. Manche Märkte sind unterschiedlich (Deutschland vs. Österreich). ERP-Integration ist Pflicht, nicht optional.
Das ist ein echtes Level-3-B2B-Szenario. Wortmann hat sich für Shopware entschieden. Nicht weil Shopware "besser" ist als Shopify, sondern weil die B2B-Suite die Anforderung nativ abdeckt ohne dass massive Custom-Entwicklung nötig ist. Die Basis stimmt. Die Freigabeprozesse sind konfigurierbar, nicht hardcoded. Die Preise sind individuell pro Kunde, ohne dass custom Code das jonglieren muss.
Mit Shopify Plus hätte das auch funktioniert, aber Wortmann hätte ein Team bauen müssen das diese Features custom entwickelt. Das wäre teurer geworden und hätte ein unterschiedliches Maintenance-Profil.
Das ist die echte Entscheidung auf Enterprise-Niveau: Nicht "Welche Plattform ist besser?" sondern "Wo ist die beste Basis für unsere Custom-Entwicklung?"
Brauchst du wirklich Enterprise B2B?
Das ist die Frage die ganz oft falsch beantwortet wird.
Viele B2B-Projekte kommen mit mittlerem B2B aus und tun das erfolgreich. Ein Großhändler mit 50 Kundengruppen und Standardpreisen für jede Gruppe braucht kein Enterprise-System. Ein Hersteller mit unterschiedlichen Preislisten für Märkte und Vertriebswege auch nicht.
Die Kosten auf einfachem bis mittlerem B2B sind vergleichbar zwischen Shopify Plus und Shopware. Der Break-Even-Punkt liegt irgendwo bei Enterprise B2B, wenn du anfängst individuelle Preise per Kundenkonto zu brauchen, mehrstufige Freigabeprozesse, Budget-Management.
Unser Tipp: Definiere die Anforderungen zuerst, nicht die Plattform. Schreib auf was deine Kundengruppen wirklich brauchen. Wie granular müssen die Preise sein? Wie komplex die Freigabeprozesse? Wie tief die ERP-Integration? Dann ist die Plattform-Entscheidung eine Konsequenz daraus, nicht eine Vorannahme.
commercetools als dritte Option
Für manche B2B-Anforderungen ist auch eine Headless-Lösung wie commercetools sinnvoll.
commercetools ist keine "Plattform" im klassischen Sinne, sondern eine API-First Commerce Engine. Das macht sie interessant wenn dein B2B-Setup so individuell ist dass Standard-Plattformen nicht passen. Beispiele:
- Du brauchst einen eigenen Frontend (nicht Shopify oder Shopware Theme)
- Deine B2B-Logik ist so spezifisch dass eingebaute Features dich einschränken würden
- Du willst Frontend-Updates unabhängig von Commerce-Updates
- Du brauchst mehrstufige Ökosystem-Integration (nicht nur ERP, sondern auch CRM, Supplier Management, etc.)
Das Geschäftsmodell ist dann oft anders: statt "Lizenz + Custom-Entwicklung" ist es "Commerce-API + vollständige Custom-Entwicklung". Das ist teurer initial, aber gibt dir maximale Flexibilität.
commercetools ist eine echte Option für große, komplexe B2B-Szenarien. Aber es ist nicht die Standardwahl. Das ist es wert, in Gesprächen zu erwähnen, aber es ist nicht für jedes Projekt relevant.
KI-Features im Vergleich: Shopware, Shopify Plus, commercetools
2026 ist KI im B2B-Kontext kein Nice-to-have mehr. Einkäufer erwarten semantische Suche, Angebots-Assistenten und intelligente Freigaben. Die drei Plattformen stehen hier unterschiedlich da - und das ist kein statischer Zustand, sondern ein bewegliches Ziel.
| Feature | Shopware (Evolve+) | Shopify Plus | commercetools |
|---|---|---|---|
| KI-Produkttexte in Admin | Shopware AI Copilot, native Integration in Editor | Shopify Magic, breit in der Oberflaeche | Kein Haus-Feature, via API anbindbar |
| Semantische Katalogsuche | Ueber Findologic, Algolia oder eigene RAG-Pipeline | Shopify Search & Discovery plus Third-Party | Eigenbau ueber Search-API, sehr flexibel |
| Chat-Assistent fuer Angebote | Baubar auf B2B-Daten und Storefront-API | Baubar, B2B-Daten muessen angereichert werden | Baubar mit vollem Kontroll-Level |
| MCP-Zugriff fuer Agenten | Community-MCPs und Shopware-Admin-API | Offizielle Shopify-MCP-Server, breit erprobt | Ueber API, Agenten-Setup Eigenbau |
| Agent-Ready Shop (Standards, Schema, llms.txt) | Abhaengig vom Theme, erweiterbar | Theme-seitig gut, Storefront-API sauber | Volles Eigenbau, beste Kontrolle |
| KI-gestuetzte Freigabe-Workflows | B2B-Suite als Grundlage, KI-Layer separat | B2B-Basis plus Custom Apps | Eigenbau, volle Flexibilitaet |
Wie man das liest. Shopware hat mit AI Copilot und der B2B-Suite den deutlichsten Out-of-the-box-Vorteil für typische Mittelstands-B2B-Szenarien. Shopify Plus liefert die beste Entwickler-Erfahrung rund um KI-Tools und offizielle MCP-Integration - wer Agent-Commerce ernst nimmt, findet hier das dichteste Ökosystem. commercetools ist das flexibelste Setup, aber alles Komfort-Feature muss man selbst bauen. Das ist für große Enterprise-Kunden genau richtig, für Mittelständler meist zu teuer.
Entscheidend: die KI-Features allein sind nie der Ausschlag für eine Plattform-Entscheidung. Sie sind ein Bewertungs-Kriterium unter mehreren. Wer allein wegen "besserer KI" die Plattform wechselt, baut oft am echten Problem vorbei - das sitzt meist in der Datenqualität und im Prozess.
Vertiefung: KI im B2B E-Commerce und die Leistungsseite KI-Implementierung.
Fazit: Nicht die Plattform ist die Entscheidung
Hier ist die Essenz: Bei einfachem bis mittlerem B2B sind Shopify Plus und Shopware nahezu gleichauf. Die Entscheidung fällt auf anderen Faktoren (Team-Erfahrung, bestehende Integrationen, Kosten, UI/UX Vorzüge).
Bei Enterprise B2B wird Shopware mit der richtigen Lizenzstufe zur besseren Basis. Die B2B-Features sind nativ integriert, die Architektur passt. Aber auch dann ist "Shopware ist besser für B2B" falsch. Richtig ist: "Shopware Enterprise mit B2B Suite ist eine bessere Basis für diesen Use Case."
Und für sehr spezialisierte Level-3-Szenarien kann eine Headless-Lösung oder eine Kombi aus Shopify Plus + Custom sein.
Die Entscheidung fällt auf den Anforderungen, nicht auf der Plattform. Das ist immer die bessere Reihenfolge. Mehr zu unserem Ansatz auf der Seite B2B Commerce.