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Vibe Coding: Was der Trend wirklich taugt (und wann er scheitert)

Christian Dangl·8 min Lesezeit·

Vibe Coding ist gerade überall. Auf LinkedIn, auf YouTube, in Tech-Newslettern. Jeder baut seinen "MVP in 2 Stunden". Ich arbeite seit über einem Jahr damit und habe eine klarere Meinung dazu als die meisten Artikel es zulassen.

Es funktioniert. Aber nicht so, wie die meisten denken.

Inhalt

  1. Was Vibe Coding eigentlich ist
  2. Wo es wirklich funktioniert
  3. Wo es scheitert: Warum niemand darüber schreibt
  4. Warum Tests der einzige Schutzwall sind
  5. Wie wir es bei dasistweb einsetzen
  6. Was das für E-Commerce-Projekte bedeutet
  7. Fazit

Was Vibe Coding eigentlich ist

Der Begriff kommt von Andrej Karpathy, ehemaliger KI-Forschungsleiter bei OpenAI. Im Februar 2025 hat er beschrieben, wie er Code schreibt, ohne ihn wirklich zu schreiben: LLM-Prompts eintippen, Ergebnis akzeptieren, weitermachen. Keine Details verstehen. Einfach "die Vibes". Daher: Vibe Coding.

Was seitdem passiert ist: Jeder hat es aufgegriffen. Plattformen wie Lovable, Bolt oder Replit bauen aus einem Text-Prompt in Minuten eine lauffähige Web-App. Ohne Entwicklungskenntnisse.

Die Demos sind beeindruckend. Der Schritt in Produktion ist es oft nicht.

Wo es wirklich funktioniert

Ich nutze Vibe Coding täglich. Für bestimmte Dinge ist es tatsächlich unschlagbar:

  • Boilerplate und Scaffolding. Eine neue Shopware-Plugin-Struktur, ein Vue-Komponenten-Template, ein Test-Fixture. Das geht in Minuten, nicht in einer Stunde.
  • Prototypen. Wenn ein Kunde sehen will, wie eine Idee aussehen könnte, baue ich den klickbaren Prototyp lieber mit KI als in Figma. Spart 3 bis 4 Stunden.
  • Skripte für Einmalaufgaben. Datenmigrations-Skripte, Auswertungen, Konvertierungstools. Die müssen nicht schön sein. Die müssen einmal funktionieren.

Der gemeinsame Nenner: Alles, wo der Code nicht in Produktion geht oder wo das Risiko eines Fehlers gering ist.

Wo es scheitert

Hier fängt die ehrliche Diskussion an.

Vibe Coding scheitert zuverlässig überall, wo Code systemkritisch ist. Ich habe das nicht aus Blogposts. Ich habe das aus Projekten.

Ein Beispiel: Ein KI-generiertes Shopware-Plugin für die Bestellabwicklung. Syntaktisch korrekt, alle Tests grün. In der Produktionsumgebung mit echten Bestellungen über 10.000 EUR hat eine Race Condition in einem Zwischenspeicher dazu geführt, dass Lagermengen doppelt reserviert wurden. Der Fehler war nicht in den Tests, weil niemand den spezifischen gleichzeitigen Zugriff getestet hatte. Den hätte auch kein Mensch in einem schnellen Review gefunden.

Kritische Bereiche, wo Vibe Coding aufhört zu funktionieren:

  • Payment-Logik. Rückerstattungen, Teilzahlungen, Zahlungsabgleich. KI schlägt Lösungen vor, die in 95% der Fälle stimmen. Die restlichen 5% passieren genau dann, wenn es teuer wird.
  • Sicherheitskritischer Code. Input-Validierung, Authentifizierung, API-Key-Verwaltung. KI-generierter Code folgt Mustern aus Trainingsdaten. Aktuelle Security-Best-Practices sind nicht automatisch drin.
  • Komplexe Datenbank-Migrationen. Schema-Änderungen auf einer Shopware-Instanz mit 500.000 Produkten und laufendem Shop. KI kennt dein Datenmodell nicht. Du schon.
  • Mandantentrennung in B2B-Shops. Mehrere Kundengruppen, individuelle Preise, getrennte Lagersichtbarkeit. Fehler hier bedeuten: falscher Preis, falsche Sichtbarkeit, falsches Lager beim falschen Kunden.

Das ist keine Kritik an KI. Das ist eine Aussage über den Einsatzbereich.

Warum Tests der einzige Schutzwall sind

Das ist der Teil, den die meisten Vibe Coding Artikel weglassen.

Wenn KI Code schreibt, den du nicht vollständig durchdrungen hast, hast du zwei Möglichkeiten: Du vertraust dem Ergebnis blind. Oder du hast Tests.

Blindes Vertrauen ist keine Strategie. Tests sind es.

Was das konkret bedeutet: Für jeden mit KI erzeugten Code-Block gilt bei uns eine einfache Regel. Unit Tests für die Kernlogik, mindestens ein Integration Test für den kritischen Pfad. Bei Shopware-Plugins kommt ein Cypress E2E-Test für den Checkout-Flow dazu, wenn das Plugin ihn berührt.

Das klingt aufwändig. Es ist weniger aufwändig als ein Production-Bug um 22 Uhr.

Ein weiterer Punkt: KI schreibt auch Tests. Das ist der eigentliche Produktivitätsgewinn. Kein Entwickler mag Test-Boilerplate schreiben. KI macht das gern. Was KI nicht macht: sinnvolle Grenzfälle erfinden, die du dir aus Projektkenntnis heraus selbst überlegst. Edge Cases kommen von der menschlichen Analyse, nicht vom Prompt.

Unser Tipp: Nutze KI zuerst für die Tests, nicht für den Code. Wenn du weißt, was dein Code leisten soll und welche Grenzfälle existieren, schreibst du bessere Prompts. Und du merkst sofort, wenn das Ergebnis nicht passt.

Für Shopware-Projekte setzen wir auf PHPUnit für die Backend-Logik und Cypress für Browser-Tests. KI generiert die Struktur, wir füllen die Szenarien.

Wie wir es bei dasistweb einsetzen

Wir arbeiten seit 2012 mit Shopware. Wir haben 56+ Shopware-Zertifizierungen im Team und 80% Seniors. Das ermöglicht uns, KI-Output wirklich zu bewerten, nicht nur darauf zu vertrauen.

Das ist der Punkt.

Vibe Coding ohne tiefes Plattform-Verständnis ist wie ein Praktikant, dem man sagt: "Mach das irgendwie." Es kommt etwas raus. Was rauskommt, erkennst du erst unter Last als problematisch.

Unser Ansatz sieht so aus:

  1. KI generiert den ersten Entwurf. Schnell, ohne Nachdenken.
  2. Ein Senior-Entwickler prüft Architektur und kritische Pfade. Nicht jede Zeile, aber die Logik.
  3. KI ergänzt fehlende Tests nach Feedback.
  4. Die CI/CD-Pipeline läuft durch. Alle Tests müssen grün sein.
  5. Code Review durch einen zweiten Entwickler auf dem Pull Request.

Schritt 1 hat sich durch KI um ca. 60% beschleunigt. Der Rest ist gleich geblieben. Netto: deutlich schneller bei vergleichbarer Qualität. Nicht "in 2 Stunden in Produktion", sondern "Feature in 3 Tagen statt 7".

Wenn du mehr darüber lesen willst, wie sich KI in der täglichen Entwicklungsarbeit konkret verändert, schau dir unseren Artikel KI und Entwickler: Was sich bei uns wirklich verändert hat an.

Was das für E-Commerce-Projekte bedeutet

Du hast einen Online-Shop mit 5+ Mio. EUR Jahresumsatz und willst Features schneller umsetzen. Vibe Coding klingt verlockend. Was bedeutet das konkret?

Es bedeutet: Du kannst damit schneller Ideen testen und kleinere Features umsetzen. Du kannst Shopware-Anpassungen beschleunigen, die klar definiert und isoliert sind. Du kannst Prototypen für Stakeholder bauen, ohne Entwicklerstunden zu verbrennen.

Was es nicht bedeutet: Einen Shop ohne Entwicklungsexpertise betreiben. Komplexe Shopware-Entwicklung durch Prompts ersetzen. Oder Payment-Logik "einfach von der KI schreiben lassen".

Die Plattformen, die Vibe Coding-Apps anbieten, sind gut für Web-Apps und Prototypen. Für einen Shopware-Shop mit bestehenden Daten, ERP-Anbindung, eigener Plugin-Landschaft und komplexen Kundengruppen endet Vibe Coding schnell an seinen Grenzen.

Bei Shopify sieht es ähnlich aus: Themes lassen sich mit KI-Unterstützung schnell anpassen. Shopify Functions, komplexe Checkout Extensions oder ein eigenes Fulfillment-Backend brauchen jemanden, der weiß, was er tut, auch wenn KI die ersten 80% des Codes liefert.

Mehr zum KI-Einsatz im E-Commerce insgesamt findest du in unserem Artikel KI im E-Commerce: Wo es wirklich Mehrwert bringt.

Fazit

Vibe Coding ist kein Hype-Tool und kein Game-Changer. Es ist ein Werkzeug.

Wie jedes Werkzeug ist es nützlich, wenn du weißt, wofür es geeignet ist. Es ist riskant, wenn du es überall einsetzt. Ein Akkubohrer ist kein Skalpell.

Die ehrliche Einschätzung nach über einem Jahr intensiver Nutzung: Ich möchte Vibe Coding nicht mehr missen. Ich würde es niemals ohne Testing-Infrastruktur einsetzen. Und ich würde es niemals von jemandem einsetzen lassen, der nicht versteht, was er da produziert.


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Geschrieben von Christian Dangl. Entwickelt bei dasistweb Shopware-Plugins und B2C-/B2B-Shops. Sein Fokus: Automatisierungen, Testing & QA und DevOps. Er betreut das Mollie-Plugin für Shopware. Wenn Deploys Routine sind und Tests Vertrauen schaffen statt Angst, hat er seinen Job gut gemacht. Wenn du ein konkretes Vorhaben hast: Erstgespräch vereinbaren

Häufig gestellte Fragen

Was ist Vibe Coding und wie unterscheidet es sich von traditionellem Programmieren?
Vibe Coding nutzt KI-Tools wie Lovable oder Bolt, um Code intuitiv durch Beschreibung zu generieren statt ihn manuell zu schreiben. Im E-Commerce kann das schnell sein, erfordert aber gutes Testing um Fehler früh zu erkennen.
Funktioniert Vibe Coding auch bei komplexen Shopware Plugins?
Bei einfachen Features ja, bei komplexen Business-Logik wird es schwierig. Die KI versteht Shopware-Architektur nicht automatisch und generiert oft Code der Abhängigkeiten verletzt.
Wann ist Vibe Coding im E-Commerce zu riskant?
Bei Payment-Integrationen, Datensicherheit und kritischen Prozessen. Hier musst du jeden generierten Code verstehen und testen. Die Tests sind der einzige echte Schutzwall.
Brauchen Entwickler noch Erfahrung wenn es Vibe Coding gibt?
Ja, dringender als vorher. Du musst Tests schreiben, den Code verstehen und fehlerhafte Generierung erkennen können. Junior-Entwickler brauchen sogar mehr Mentoring.

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